Landwirtschaft als Kreislauf denken
Das Rosenheimer Projekt entstand ab 1999 aus der Zusammenarbeit von Christoph Fischer mit Landwirten aus der Region Rosenheim. Ausgangspunkt war die praktische Suche nach Möglichkeiten, die verschiedenen Bereiche eines landwirtschaftlichen Betriebs stärker miteinander zu verbinden.
Dabei geht es nicht um ein einzelnes Produkt. Im Mittelpunkt steht vielmehr der Betrieb als Kreislauf:
Tier → organische Dünger → Boden → Pflanze → Futter → Tier
Was passiert mit organischer Masse? Wie lassen sich Nährstoffe im Betrieb nutzen? Wie können Gülle und Mist aufbereitet werden? Welche Rolle spielen Mineralien, Pflanzenkohle und Mikroorganismen? Und wie lassen sich diese verschiedenen Bausteine sinnvoll miteinander kombinieren?
Aus diesen Fragen und den Erfahrungen aus der landwirtschaftlichen Praxis hat sich das Rosenheimer Projekt entwickelt.




Mehr als EM
EM ist ein wichtiger Bestandteil des Rosenheimer Projekts – aber das Rosenheimer Projekt ist mehr als EM.
Von Anfang an gehören unterschiedliche Bausteine und Verfahren dazu:
- Effektive Mikroorganismen
- Pflanzenkohle
- Mineralien und Gesteinsmehle
- organische Dünger
- Kräuter- und Pflanzenextrakte
- Aufbereitung von Gülle und Mist
- Boden- und Pflanzenpflege
- Fütterung und Stallpraxis
Entscheidend ist dabei nicht, möglichst viele Produkte einzusetzen. Entscheidend ist, welche Aufgabe ein Bestandteil im jeweiligen Bereich übernimmt und wie die einzelnen Bausteine zusammenspielen.




Der landwirtschaftliche Betrieb als Kreislauf
Wir betrachten die Bereiche eines Betriebs nicht isoliert voneinander.
Organische Materialien aus dem Betrieb können aufbereitet und wieder als Dünger eingesetzt werden. Mineralien ergänzen die vorhandenen Stoffkreisläufe. Pflanzenkohle bringt eine poröse Kohlenstoffstruktur in das System. Mikroorganismen übernehmen unterschiedliche Aufgaben beim mikrobiellen Stoffumsatz.
So entsteht ein Ansatz, bei dem Boden, Pflanze, Tierhaltung und organische Dünger zusammen betrachtet werden.
Dabei geht es immer auch um die konkrete Situation des jeweiligen Betriebs. Was bei einem Milchviehbetrieb sinnvoll ist, muss nicht automatisch für einen Ackerbaubetrieb oder eine andere Tierhaltung passen.




Ein Beispiel: Gülleaufbereitung
Bei der Aufbereitung von Gülle setzen wir drei Bausteine miteinander ein: EM-aktiv, aktivierte Pflanzenkohle und RoPro-Lit-Urgesteinsmehl. Jeder übernimmt eine eigene Aufgabe – zusammen entsteht ein System, das von der Gülleaufbereitung bis zur späteren Ausbringung auf den Boden gedacht wird.
Jede Komponente bringt dabei eine andere Eigenschaft mit:
EM-aktiv
EM-aktiv bringt eine Vielfalt an Mikroorganismen in die Gülle. Milchsäurebakterien, Hefen und Photosynthesebakterien arbeiten dabei nicht isoliert, sondern in einer Gemeinschaft. Sie setzen organische Stoffe um und prägen die mikrobiellen Prozesse während der Lagerung.
Dabei geht es im Rosenheimer Verfahren darum, die Gülle nicht einfach sich selbst zu überlassen, sondern die mikrobiellen Prozesse gezielt zu begleiten. Aus einer Mischung aus Kot, Urin und organischer Substanz entsteht so durch die Fermentation ein anderer Ausgangspunkt für die weitere Nutzung als organischer Dünger.
Und damit endet die Aufgabe von EM-aktiv nicht im Güllebehälter: Mit der aufbereiteten Gülle gelangen die Mikroorganismen und die bei der Fermentation entstandenen organischen Verbindungen anschließend auch auf den Boden.
Karbosave – Aktivierte Pflanzenkohle – Kohlenstoff, Struktur und Speicher
Unsere Pflanzenkohle wird mit EM, Gesteinsmehl und Zuckerrohrmelasse aktiviert, gelagert und den Jahreszeiten ausgesetzt. Sie gewinnt dadurch an Reaktionsfähigkeit. Sie wird regelmäßig auf PAK untersucht, ist entstaubt und hat eine Größe von 1-1,5 mm.
Pflanzenkohle hat eine poröse Struktur mit einer großen inneren Oberfläche. Darauf und in ihren Poren können sich Mikroorganismen ansiedeln. Die Mikroorganismen setzen organische Stoffe um und bilden dabei unter anderem organische Säuren und andere Stoffwechselprodukte. Diese können Mineralstoffe und Spurenelemente binden bzw. in organische Verbindungen einbinden. Solche Verbindungen werden als Chelate bezeichnet.
Gleichzeitig besitzt die Pflanzenkohle selbst zahlreiche Oberflächen, an denen Nährstoffe und Mineralstoffe gebunden werden können. So wirken die mikrobielle Aktivität und die besonderen Eigenschaften der Pflanzenkohle zusammen: Nährstoffe werden gebunden, umgesetzt und im System gehalten.
Bei der späteren Ausbringung gelangt diese Kohlenstoffstruktur mit der Gülle auf den Boden. Dort bleibt die Pflanzenkohle langfristig als Bestandteil der organischen Bodenfraktion erhalten und kann weiterhin als Lebensraum und Speicherstruktur für Bodenorganismen und Nährstoffe dienen und Teil des Kreislaufs bleiben.
Die Pflanzenkohle ist deshalb nicht nur ein Hilfsmittel für die Gülleaufbereitung. Sie wird zu einem Bestandteil des Bodens.
Pflanzenkohle – eine Entdeckung, die geblieben ist
2006 organisierte Christoph Fischer für Landwirte, die das Rosenheimer Projekt auf ihren Betrieben einsetzen, eine Lehrfahrt zum Saraburi Kyusei Nature Farming Training Center in Thailand. Dort begegnete uns Pflanzenkohle zum ersten Mal – ganz selbstverständlich als Bestandteil von Bokashi. Die thailändischen Kollegen nannten diese Mischung damals sogar „Super-Bokashi“.
Als 2009 das Thema Terra Preta auch bei uns bekannter wurde, ergab für Christoph das Ganze plötzlich ein Bild. Er erkannte sofort das Potenzial der Pflanzenkohle für Landwirtschaft und Garten:
Wenn wir Nährstoffe in der Kohle festhalten können, statt sie zu verlieren, verändert das den ganzen Kreislauf.
Seit dieser Zeit gehört Pflanzenkohle zu unserem Rosenheimer Projekt. Wir waren damit unter den ersten, die Pflanzenkohle für die Gülleaufbereitung eingesetzt haben. Der Gedanke, Nährstoffe möglichst im System zu halten, passte für uns unmittelbar zur Idee einer kreislauforientierten Landwirtschaft.
Aber die Pflanzenkohle ist nicht nur für die Gülle interessant. Auch bei Kompost, Bokashi und anderen organischen Umwandlungsprozessen ist sie für uns ein wichtiger Baustein.



RoPro-Lit – silikathaltiges Urgesteinsmehl
RoPro-Lit ist ein vulkanisches Urgesteinsmehl aus Diabas. Es bringt Mineralien und Spurenelemente in den Kreislauf und besitzt durch seine feine Vermahlung eine große Oberfläche.
In der Gülle lagert sich das fein vermahlene RoPro-Lit an die festen Bestandteile an. Durch seinen feinen Mahlgrad sinkt es nicht einfach auf den Boden, sondern hält die festen Bestandteile besser in der Schwebe. Die Gülle bleibt dadurch homogener und lässt sich leichter aufrühren. Gleichzeitig bietet die große Oberfläche des Gesteinsmehls viel Platz für die Besiedelung durch Mikroorganismen.
Doch auch hier endet die Funktion nicht mit der Güllebehandlung: Mit der Gülle gelangen die mineralischen Bestandteile anschließend auf die landwirtschaftliche Fläche. Dort stehen sie dem Boden als mineralische Komponente zur Verfügung.
Das Besondere liegt in der Kombination: Mikroorganismen, Pflanzenkohle und Mineralien werden nicht unabhängig voneinander eingesetzt, sondern als aufeinander abgestimmte Bausteine der Gülleaufbereitung.



Die Rezeptur für 100 m³ Gülle
| Bestandteil | Menge je 100 m³ Gülle | Aufgabe im Verfahren |
|---|
| EM-aktiv | 100 Liter | mikrobielle Milieusteuerung |
| Karbosave Pflanzenkohle | 0,6 m³ / 600 Liter | Nährstoffpuffer und Besiedelungsfläche |
| RoPro-Lit Urgesteinsmehl | 3–4 Tonnen | Mineralien, Spurenelemente und Besiedelungsfläche |
| bei Schweinegülle RoPro-Lit | 2 Tonnen | wie oben |
Boden und Mineralien
Ein weiterer Bestandteil des Rosenheimer Projekts ist die Versorgung des Bodens mit mineralischen Komponenten.
Zum Einsatz kommen unter anderem Diabas und andere Gesteinsmehle. Sie bringen Mineralien und Spurenelemente in den Boden. Bei der Remineralisierung wird Diabas-Sand eingesetzt; die im Gestein enthaltenen Silikate können an der Bildung von Tonmineralen beteiligt sein.
Dabei betrachten wir Mineralien nicht isoliert, sondern als einen Baustein neben organischer Substanz und mikrobiellen Prozessen.


Boden, Pflanze und Mikroorganismen
Auch bei der Pflanzenproduktion steht nicht ein einzelner Wirkstoff im Mittelpunkt.
Pflanzen benötigen unter anderem Wasser, Licht, Nährstoffe und Mineralien. Gleichzeitig sind Mikroorganismen Bestandteil des natürlichen Umfelds von Boden und Pflanze.
Im Rosenheimer Projekt werden deshalb verschiedene Produktgruppen miteinander kombiniert. Dazu gehören beispielsweise EM, mineralische Präparate sowie Kräuter- und Pflanzenextrakte.
Welche Kombination sinnvoll ist, hängt von der Kultur, dem Standort und der jeweiligen Anwendung ab.
Vom Wissen zur Praxis
Das Rosenheimer Projekt ist über viele Jahre aus der landwirtschaftlichen Praxis heraus entstanden.
Dabei wurden unterschiedliche Verfahren ausprobiert, angepasst und weiterentwickelt. Wichtige Erfahrungen sind dabei in der Zusammenarbeit mit Bodenexperten, Studierenden und Professoren, gemeinsam mit Landwirten und im direkten Austausch mit landwirtschaftlichen Betrieben entstanden.
Heute findet dieser Austausch nicht mehr ausschließlich im direkten persönlichen Treffen statt. Erfahrungen werden auch über Beratung, digitale Kommunikation, Fachbeiträge, Veranstaltungen und Praxisberichte weitergegeben.
Das Rosenheimer Projekt ist deshalb kein fertiges Rezeptbuch. Es ist ein Ansatz, der aus praktischen Erfahrungen entstanden ist und sich mit neuen Erkenntnissen und Erfahrungen weiterentwickelt.
Aus der Praxis für die Praxis
Das Rosenheimer Projekt ist aus einer einfachen Frage entstanden:
Wie können wir Landwirtschaft so gestalten, dass die vorhandenen Ressourcen eines Betriebs möglichst sinnvoll genutzt und miteinander verbunden werden?
Diese Frage begleitet uns bis heute.
Heute können wir Landwirten einen Erfahrungsschatz aus mehr als 30 Jahren zur Verfügung stellen. Für viele Problemstellungen haben wir eine praxisbewährte Lösung parat. Bei anderen ergeben sich erst aus den Gesprächen und der Situation vor Ort Ansätze, die machbar sind, manchmal Geduld erfordern und letztlich vom Landwirt selbst in einen Erfolg verwandelt werden.
Denn das Rosenheimer Projekt ist für uns auch ein gedanklicher Prozess, der über die gute fachliche Praxis hinausgeht. Nicht alles, was wir dabei an Erfahrungen gesammelt haben, steht in den Fachbüchern der landwirtschaftlichen Ausbildung. Deshalb stoßen neue Gedanken manchmal auch auf Widerstand.
Für uns gehört genau das dazu: ausprobieren, beobachten, Erfahrungen sammeln und weiterdenken. Genau darin liegt für uns der Kern des Rosenheimer Projekts.
